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Bang oder Nicht Bang?

Dieser Eintrag stammt von Michael Winkler Am 4.3.2007 @ 23:04 In Wannabe Philosopher | Keine Kommentare

Wieder einmal geht mir dieses Big-Bang-Ding durch den Kopf. Sie wissen schon - Urknall, Erschaffung der Zeit,…

Allgemeinhin sprechen die Wissenschaftler vom “Anbeginn der Zeit” - vor dem Urknall “war” also keine Zeit, es macht also keinen Sinn, darüber zu philosophieren. Diskussionen darüber widerlegen Physiker gerne mit der Aussage “vor der Zeit gabs aber keine Zeit! So ist sie definiert!” - aha.
Also nur mal gesunden Menschenverstand angewandt (ja, den gabs vor dem Urknall auch nicht): mal angenommen der Urknall fand statt (da stehen noch ein paar Beweise aus), dann fand er in seiner bisherigen Beschreibung statt unmittelbar BEVOR die Zeit erschaffen wurde. Damit gibt es mindestens einen diskreten Zeitpunkt “danach” (nämlich unmittelbar nach dem physikalischen Anfang der Zeit), und damit ist der Urknall doch dem unterworfen, was wir Menschen mit unserer beschränkten Erfassungsgabe allgemeinhin “Kausalität” nennen - denn vor diesem diskreten Zeitpunkt war der Anbeginn der Zeit überhaupt. Da hilft auch keine Formulierung in die Richtung “Überabzählbarkeit” - irgendwann hat die Zeit begonnen - und damit gibt es auch dieses “Event”.
Gut, dann sind wir uns einig, daß es - losgelöst von dem physikalischen Zeitmodell - ein übergeordnetes Zeitmodell, basierend auf der einfachen Formulierung “davor” und “danach”, ohne Angabe von Einheiten oder absoluten Abständen geben muß. nennen wir sie - Meta-Zeit! Und die Ereignisse zwischen “davor” und “danach” nennen wir - Meta-Zeitpunkte! Das hört sich vielleicht kompliziert an, hilft aber uns Physik-Laien das dumme Grinsen auf dem Gesicht der Physiker abzustellen wenn man von der “Zeit vor dem Urknall” redet.
Nachdem wir also die Zeit-Diskussion so plump ausgehebelt haben - was war denn davor? Was war vor dem Anbeginn der Zeit, was war vor dem Anbeginn des Seins? Noch so ein Widerspruch, der einen in den Wahnsinn treiben könnte.
Ok, egal wie wir uns (bzw. unser Universum) definieren, ob wir nun “sind” oder nur “Hologramme”, irgendwann in der Meta-Zeit muß es einen Meta-Zeitpunkt gegeben haben, bei dem unser Universum (oder vielmehr - die Basis für den Urknall oder der Urknall selbst) aus dem “Nicht-Sein” ins “Sein” gewechselt hat. Es gab also einen Meta-Zeitpunkt, zu dem die Quintessenz, der Äther oder wie man es auch nennen mag, entstand. Und davor in der Meta-Zeit - tja, da war wohl eine Meta-Materie (ja, ich weiß, e=mc^2).

Aber auch die Meta-Zeit muß irgendwan angefangen haben (genausogut könnten wir den Big Bang weg-argumentieren), und vor der Meta-Zeit muß es eine Quintessenz des Meta-Materie gegeben haben. Was hilft uns das ganze also? Gar nichts, absolut nichts, kein bisschen! Es ist zum Mäusemelken, wir verlagern die Diskussion von einer Ebene in eine andere - und haben dasselbe Problem: den Beginn, und was davor war. Element 0, sozusagen.

Da scheint das Problem die Frage selbst zu sein: was war vor dem Anbeginn der Zeit?

Zeit definiert sich bei uns Menschen ja eben gerade als Kausalität, als “davor und danach”. D.h. also, wenn wir von einem Zeitpunkt “vor dem Urknall” reden, dann geht das nicht - der Urknall ist definiert als “Anbeginn aller Kausalität”, als Beginn aller Abfolge. Im Urknall selbst, also in den unendlich kleinen Zeitpunkt, passt eine ganze Ewigkeit an Zeit hinein. Die Zeit selbst beginnt dort. Sie entsteht da, und ist nicht etwa schon schön flüssig wie wir uns das denken, sondern eben erst am entstehen, an manchen Stellen zu schnell, an manchen zu langsam, und an manchen Stellen hat sie sogar Löcher! So wie sich zum “Zeitpunkt” des Urknalls die Materie, die Energie oder deren Grundbausteine konstituieren, so konstituiert sich die Kausalität selbst beim Urknall, und damit gleichzeitig (ähem) die Zeit. Würden wir bis zum Zeitpunkt des Urknalls zurückreisen, so würden wir da nie ankommen, denn die Reise dauerte - egal bei welcher Geschwindigkeit! Sogar bei Überüberüber-SuperDuper-Lichtgeschwindigkeit + 1 - unendlich lange! Oder vielmehr - Teile von Uns würden da ankommen, andere Teile nicht. Denn da sich Zeit und Raum gerade selbst bilden, würde es zwangsweise zu Anomalien und Abkürzungen kommen, von denen Teile unseres Körpers unterschiedlich betroffen wären - und bestimmte Teile würden deshalb beim Urknall ankommen. Aber eben nicht alle Teile, die meisten (schätze ich mal) würden in der Unendlichkeit des Urknalls selbst stecken bleiben. Und zwar nicht wie bei einem schwarzen Loch, sondern noch viel intensiver, diskontinuierlich! Wir würden es also einerseits selbst merken, und andererseits nichts davon mitbekommen.

Zum Zeitpunkt des Urknalls bildet sich nicht nur die Materie und die Energie, sondern auch (!) Raum und Kausalität! Und darum ist die Frage, was denn nun vor dem Urknall gewesen wäre, eine systematisch falsche Frage. Gödel meint dazu “In jedem in sich geschlossenen, logischen System gibt es Aussagen, deren Wahrheitsgehalt nicht entschieden werden kann”. So ist das hier: die Frage, was vor dem Urknall gewesen ist, kann nicht beantwortet werden. Nein, genau genommen kann nicht mal entschieden werden, ob die Frage beantwortet werden kann! Es kann einfach keine Aussage gemacht werden, weil die Logik und die Vernunft als Ableger der Kausalität beim Urknall erst entstanden sind, oder vielmehr, noch nicht da waren. Nein, auch das ist falsch, denn zu Teilen waren sie schon da. Jede Aussage über den Urknall verliert sich im Unendlichen. Jede Aussage über den Urknall ist wahr und falsch, oder nur eines davon, oder alles ein bisschen, weil nichts entschieden werden kann (die Entscheidung ist ja selbst ein kausales Element). Unser Verstand beginnt und endet im Urknall, so ist das. Denken sinnlos.

Das ist wie beim Apfelsaft. Genau genommen enthält schon jeder Apfel kleinste Mengen Alkohol, aber man redet direkt nach der Pressung nicht von Most, sondern von Apfelsaft. Erst wenn der Saft einen bestimmten Alkohol-Anteil hat, redet man von Most. Die Frage ist also nicht “was war vor dem Urknall”, sondern “ab wann können wir Kausalität anwenden, und ab wann wollen wir?” Wir können noch so sehr wollen über den Zeitpunkt vor dem Urknall nachzudenken, wir tun es nicht könnnen, sozusagen. Oder vielmehr: alle Aussagen darüber sind falsch, sogar diese.

Kapiert? Selbst das “kapieren” ist eine kausale Sache. Mann kanns also nicht mal kapieren. Nun aber genug der Gedanken-Exzesse, ich muß auch noch arbeiten.


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